Harninkontinenz beim Hund – wenn der Hund ungewollt Urin verliert
Harninkontinenz bedeutet, dass ein Hund unkontrolliert Urin verliert. Typisch sind nasse Liegeplätze, Urintropfen im Schlaf, feuchtes Fell im Bereich der Hinterbeine oder ein unangenehmer Uringeruch. Viele betroffene Hunde setzen draußen ganz normal Urin ab und verlieren zusätzlich im Liegen oder Schlaf unbemerkt kleine bis größere Mengen.
Besonders häufig sehen wir diese Form der Inkontinenz bei kastrierten Hündinnen. Ursache ist dann meist eine Schwäche des Harnröhrenschließmuskels, die sogenannte urethrale Sphinktermechanismus-Inkompetenz. Auch Rüden können betroffen sein. Weitere mögliche Ursachen sind angeborene Fehlbildungen wie ektopische Ureteren, eine zu kurze Harnröhre, eine Beckenblase, neurologische Erkrankungen, Blasenentzündungen, Harnsteine oder selten Tumoren der unteren Harnwege.
Spezialisierte Diagnostik und minimalinvasive Therapie in Meerbusch
Die Abklärung und Behandlung der Harninkontinenz gehört zu den spezialisierten urologischen Leistungen unserer Praxis. Unter der Leitung von Fachtierarzt Dr. Jens M. Diel verbinden wir eine strukturierte urologische Diagnostik mit moderner Ultraschalluntersuchung, Endoskopie von Harnröhre und Harnblase sowie minimalinvasiven und chirurgischen Therapieverfahren.
Neben der medikamentösen Behandlung bieten wir auch endoskopisches Urethral Bulking mit verschiedenen Bioimplantaten, operative Verfahren wie die Kolposuspension sowie bei besonders schweren oder therapieresistenten Fällen den Einsatz eines hydraulisch verstellbaren Harnröhren-Okkluders an. Dadurch können wir die Behandlung individuell an Ursache, Anatomie, Geschlecht und bisheriges Ansprechen des Patienten anpassen.
Ist es wirklich eine Harninkontinenz?
Nicht jeder ungewollte Harnabsatz ist eine Schließmuskelschwäche. Bei einer echten Harninkontinenz verliert der Hund Urin, ohne dies bewusst zu steuern – häufig im Liegen oder Schlaf. Davon zu unterscheiden sind häufiges bewusstes Wasserlassen bei einer Blasenentzündung, vermehrter Urinabsatz bei starkem Durst, unvollständige Blasenentleerung, Markierverhalten und alters- oder verhaltensbedingte Unsauberkeit.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil hinter ähnlichen Symptomen sehr unterschiedliche Erkrankungen stehen können.
Gründliche Diagnostik vor der Therapie
Nicht jeder Hund, der Urin verliert, hat die gleiche Erkrankung. Vor einer gezielten Behandlung prüfen wir deshalb, ob eine behandelbare Ursache vorliegt. Dazu gehören je nach Fall:
Urinuntersuchung und Urinkultur zum Ausschluss einer Infektion, Ultraschall von Blase und Nieren, Blutuntersuchung, Beurteilung der äußeren Geschlechtsorgane, gegebenenfalls Kontrastuntersuchungen, Endoskopie der Harnröhre und Blase sowie bei jungen Hunden die gezielte Suche nach angeborenen Fehlbildungen.
Erst wenn klar ist, ob eine Schließmuskelschwäche, eine Fehlbildung, eine Entzündung oder eine andere Ursache vorliegt, lässt sich die passende Therapie auswählen.
Häufige Ursachen der Harninkontinenz beim Hund
Erwachsene kastrierte Hündinnen:
Am häufigsten liegt eine urethrale Sphinktermechanismus-Inkompetenz, kurz USMI, vor. Dabei ist der Verschlussdruck der Harnröhre vermindert.
Junge Hunde:
Bei jungen, bereits seit dem Welpenalter inkontinenten Hunden müssen insbesondere ektopische Ureteren und andere angeborene Fehlbildungen ausgeschlossen werden.
Rüden und ältere Hunde:
Bei Rüden, unkastrierten Hündinnen oder erstmals im höheren Alter auftretender Inkontinenz müssen unter anderem Erkrankungen von Prostata, Blase, Harnröhre, Wirbelsäule oder Nervensystem berücksichtigt werden.
Ektopische Ureteren
Bei jungen Hunden mit seit dem Welpenalter bestehendem Urinverlust sind ektopische Ureteren eine wichtige Differenzialdiagnose. Dabei münden ein oder beide Harnleiter nicht an der normalen Stelle in die Blase. Zur Diagnostik können Ultraschall, Kontrastbildgebung, CT und Zystoskopie eingesetzt werden. Abhängig von der Anatomie kommen endoskopische oder chirurgische Korrekturverfahren infrage.
Medikamentöse Behandlung der Schließmuskelschwäche
Bei einer bestätigten urethralen Sphinktermechanismus-Inkompetenz kommen insbesondere Phenylpropanolamin sowie bei kastrierten Hündinnen Östrogenpräparate wie Estriol infrage. Phenylpropanolamin erhöht den Verschlussdruck der Harnröhre, während Estriol die Empfindlichkeit und Funktion des Harnröhrengewebes unterstützen kann.
Welche Behandlung geeignet ist, hängt unter anderem von Geschlecht, Alter, Herz-Kreislauf-Situation, weiteren Erkrankungen und bisherigen Therapieversuchen ab. Bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollte unter einer Behandlung mit alpha-adrenergen Wirkstoffen auch der Blutdruck berücksichtigt werden.
Wenn Medikamente nicht ausreichend helfen, Nebenwirkungen auftreten oder eine dauerhafte Medikamentengabe nicht gewünscht ist, kommen minimalinvasive oder chirurgische Verfahren infrage.
Endoskopisches Urethral Bulking – Bioimplantat ohne Bauchschnitt
Beim sogenannten urethralen Bulking wird unter endoskopischer Sicht ein gut verträgliches Bioimplantat in die Schleimhaut beziehungsweise Unterschleimhaut der Harnröhre injiziert. Dadurch wird die Harnröhre an der entscheidenden Stelle sanft aufgepolstert. Der Harnröhrenverschluss verbessert sich, und der Hund kann den Urin häufig wieder besser halten.
Der Eingriff erfolgt über die natürlichen Körperöffnungen, also ohne Bauchschnitt. Die Behandlung ist minimalinvasiv und kann in vielen Fällen ambulant durchgeführt werden.
VetFoam – modernes Bioimplantat bei Harninkontinenz
Wir verwenden unter anderem VetFoam, ein modernes endoskopisch injizierbares Bioimplantat auf Gelatinebasis. VetFoam wirkt zunächst wie ein Aufpolsterungsmaterial in der Harnröhre. Gleichzeitig dient es als biologisches Gerüst, in das körpereigenes Gewebe einwachsen kann. Das Material selbst wird mit der Zeit abgebaut; die stabilisierende Wirkung kann jedoch deutlich länger anhalten.
VetFoam eignet sich besonders für Hündinnen mit Schließmuskelschwäche, wenn Medikamente nicht ausreichend wirken oder nicht gut vertragen werden. In veröffentlichten Studien wurden gute Erfolgsraten bei gleichzeitig niedriger Komplikationsrate beschrieben. Wie bei allen Bulking-Verfahren kann die Wirkung im Laufe der Zeit nachlassen. Eine Wiederholung der Behandlung ist möglich.
Chen H, Shipov A, Segev G. Evaluation of cross‑linked gelatin as a bulking agent for the management of urinary sphincter mechanism incompetence in female dogs. J Vet Intern Med. 2020;34(5):1914–1919. doi: 10.1111/jvim.15857 (PMID 32686187)
Vergleichsdaten (Referenzsubstanz GAX-Kollagen):
GAX-Kollagen: Erfolgsrate 68 %, mittlere Kontinenzdauer ~17 Monate (Byron et al. 2011, JVIM 25:980).
In einer Studie mit bis zu 10 Jahren Follow-up: mittlere Kontinenzdauer 45,8 Monate (Lüttmann et al. 2019, JSAP 60:96).
Weitere Bioimplantate: Hyaluronsäure/Dextranomer und Kollagen
Neben VetFoam wurden in der Tiermedizin auch andere Bulking-Materialien eingesetzt, darunter Kollagen sowie Hyaluronsäure/Dextranomer. Kollagen war lange ein bewährtes Verfahren, ist in Europa jedoch nicht mehr regulär verfügbar. Ob ein geeigneter Bezug und Einsatz im individuellen Fall möglich und medizinisch sinnvoll ist, wird vorab geprüft. Hyaluronsäure/Dextranomer ist eine weitere minimalinvasive Alternative, zeigt aber je nach Studie eine etwas kürzere oder weniger konstante Wirkdauer als Kollagen.
Welche Substanz im Einzelfall sinnvoll ist, hängt von Anatomie, Schweregrad der Inkontinenz, Vorbehandlungen, Alter, Größe und Geschlecht des Hundes ab.
Welche Erfolgsaussichten bestehen beim Urethral Bulking?
Ziel der Behandlung ist eine deutliche Verringerung oder vollständige Beendigung des unkontrollierten Urinverlustes. Der Behandlungserfolg hängt jedoch von der zugrunde liegenden Ursache, der Anatomie, dem Geschlecht, der Dauer der Erkrankung und möglichen Begleiterkrankungen ab. Manche Hunde werden vollständig kontinent, bei anderen lässt sich die Inkontinenz deutlich reduzieren oder mit einer Kombination aus Eingriff und Medikamenten kontrollieren. Wiederholungsbehandlungen oder Therapieanpassungen können erforderlich sein.
Kolposuspension
Bei bestimmten Hündinnen, insbesondere bei anatomischer Verlagerung der Blase nach hinten, kann eine Kolposuspension sinnvoll sein. Dabei wird der Blasenhals beziehungsweise die Harnröhre durch eine chirurgische Technik wieder günstiger positioniert.
Die Kolposuspension ist vor allem bei sorgfältig ausgewählten Hündinnen mit ungünstiger Lage von Blasenhals und proximaler Harnröhre sinnvoll. Sie ist kein universelles Verfahren für jede Form der Inkontinenz.
Hydraulisch verstellbarer Harnröhren-Okkluder auch künstlicher Schließmuskel genannt
Bei schweren Fällen, bei Rüden oder wenn andere Behandlungen nicht ausreichend helfen, kann ein künstlicher Schließmuskel infrage kommen. Dabei wird eine weiche Silikonmanschette um die Harnröhre gelegt. Über einen unter der Haut liegenden Port kann die Füllung später angepasst werden.
Fallserien zeigen, dass solche verstellbaren Systeme bei therapieresistenter, erworbener oder angeborener Inkontinenz eine wirksame Option sein können. Sie erfordern jedoch chirurgische Implantation, Nachkontrollen und gelegentliche Anpassungen über den subkutanen Port.
Dieses Verfahren ist aufwendiger und teurer als eine endoskopische Injektion, bietet aber bei ausgewählten Patienten sehr gute Möglichkeiten, die Harnröhre individuell zu unterstützen. Nach dem Eingriff muss sichergestellt sein, dass der Hund ungestört Urin absetzen kann.
Unter Einsatz eines hydraulischen Okkluders kann es zu Harnabflusstörungen kommen. Infektionen im Bereich des Implantates sind möglich. Gelegentlich musste das Implantat wegen Unverträglichkeiten auch wieder entfernt werden.
Im Rahmen regelmäßiger Kontrollen wird das Implantat über den subkutanen Port immer wieder neu justiert.
Welche Therapie ist für meinen Hund richtig?
Die beste Behandlung hängt von der Ursache der Inkontinenz ab. Eine Hündin mit klassischer Inkontinenz nach Kastration benötigt eine andere Therapie als ein junger Hund mit ektopischem Ureter, ein Rüde mit Schließmuskelschwäche oder ein Hund mit Blasenentzündung.
Wir beraten Sie gerne, welche Diagnostik und welche Therapie für Ihren Hund sinnvoll ist.
Terminvereinbarung und Beratung:
Telefon: 02150 705732
E-Mail: urologie@tierarzt-meerbusch.de
Häufige Fragen zur Harninkontinenz beim Hund
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Warum verliert mein Hund im Schlaf Urin?
Urinverlust im Schlaf ist typisch für eine verminderte Verschlussfunktion der Harnröhre. Besonders häufig betrifft dies kastrierte Hündinnen. Es müssen jedoch auch Infektionen, Fehlbildungen, neurologische Erkrankungen und andere Ursachen ausgeschlossen werden.
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Ist Inkontinenz nach der Kastration behandelbar?
Ja. Viele betroffene Hündinnen lassen sich mit Medikamenten gut behandeln. Bei unzureichender Wirkung stehen zusätzlich endoskopische oder chirurgische Verfahren zur Verfügung.
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Welche Untersuchungen sind notwendig?
Mindestens erforderlich sind meist eine klinische Untersuchung und eine Urinuntersuchung. Abhängig von Alter und Befund können Urinkultur, Ultraschall, Blutuntersuchung, Endoskopie, Röntgen, Kontrastdarstellung oder CT hinzukommen.
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Was ist Urethral Bulking?
Dabei wird unter endoskopischer Sicht ein Implantat in die Wand der Harnröhre eingebracht. Die Harnröhre wird dadurch im Bereich des Schließmechanismus aufgepolstert und kann sich besser verschließen.
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Muss mein Hund nach dem Bulking weiterhin Medikamente bekommen?
Das hängt vom Behandlungserfolg ab. Einige Hunde benötigen keine Medikamente mehr, bei anderen kann eine Kombination aus Bulking und niedrigerer Medikamentendosis sinnvoll sein.
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Wie lange hält ein Urethral Bulking?
Die Wirkdauer ist individuell und hängt vom verwendeten Material, der Anatomie und der Ausprägung der Schließmuskelschwäche ab. Bei nachlassender Wirkung kann eine Wiederholungsbehandlung möglich sein.
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Kann auch ein Rüde behandelt werden?
Ja. Bei Rüden ist eine besonders gründliche Ursachendiagnostik erforderlich. Abhängig vom Befund kommen Medikamente, Bulking-Verfahren oder ein hydraulisch verstellbarer Harnröhren-Okkluder infrage.
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Ist Harninkontinenz ein Notfall?
Ein schleichender Urinverlust ist meist kein akuter Notfall. Kann der Hund jedoch keinen Urin mehr absetzen, zeigt er Schmerzen, Blut im Urin, Fieber oder eine deutlich reduzierte Allgemeinverfassung, sollte er umgehend tierärztlich untersucht werden.




